Von der Corona-Wolke bis zur Abreise: Über Veränderungen im Erasmus und schwierige Entscheidungen

“Dieser Moment, wenn man so frei war wie ein Vogel ... es aber nicht wusste.”

- Cansu Yildirim



Es ist Dienstag. Die ToDo-Liste ist elendig lang und doch sitzen wir im Schlafanzug auf der Couch und der Blick auf die Uhr verrät, dass es 15 Uhr ist. Wir müssen uns entscheiden. Aber wofür nur? Ein weiterer ratloser Blick, dieselben Argumente und ein innerlicher Stress, wie wir ihn sonst nur aus der Klausurenphase kennen. Was tun? 


Womit um alles in der Welt können wir uns so stressen, fragt ihr euch? 



Fangen wir ganz von vorne an. Wie wir bereits in unserem ersten Blogpost zu unserem Erasmus in Budapest erwähnt haben, sind wir Anfang Februar nach Ungarn gereist. Was wir aber niemals erwartet haben war, dass unser Erasmus zum größten Teil aus krank sein bestehen würde. Ebenso wie die Corona-Krise, die sich wie eine Wolkendecke stetig und leise über unser Erasmus hängte. Anfang Februar waren die Wolken noch zu weit weg, um sich in jeden Gedankengang zu schieben und unser Erasmus noch ein wahrgewordener Traum. Zwei Wochen mit etlichen Erasmus Partys, Café-Besuchen und Shoppingtouren sind vergangen und somit kein Tag, an dem wir nicht unendlich glücklich darüber waren, in Budapest zu sein. Doch nach 14 Tagen bekamen wir beide eine Erkältung, die uns noch Wochen begleiten sollte. Während sich Kira eine scheinbar harmlose, zweiwöchige Grippe eingefangen hat, ist Cindy ganze fünf Wochen außer Gefecht gesetzt worden. 


Cindy ist in einen Dornröschenschlaf gefallen und Kira hat sie nur noch zum Essen wach bekommen. Die Besuche bei der Apotheke sind gefühlt zur täglichen Routine geworden. Ingwer und Zitrone haben den Cocktail Mojito als Getränk des Monats ersetzt. Kira hat für eine tägliche Suppe, den Schub an Vitaminen und gute Laune gesorgt. Jeder sollte in so einer Situation eine Kira in seiner Nähe haben und wirklich unglaublich dankbar dafür sein.


Insider Roulette: Mit einer Freundin oder einem Freund zusammen ein Erasmus zu machen, ist im Übrigen ein Vorteil, dem wir beide zuvor nie viel Bedeutung zugeschrieben haben.


Bis zu dem Tag an dem Cindy umgekippt ist. Nach ein bisschen Wasser und einem Löffel Nutella (Cindys erster Gedanke) ging es ihr dann glücklicherweise schon wieder besser. Allerdings hatte sie sich während des Sturzes auf die Lippe gebissen, ihr Auge war angeschwollen und sie hatte mehrere blaue Flecken im Gesicht. Cindy vs. Boden, ja, man muss schon zugeben, sie hat dem Klitschko ordentlich Konkurrenz gemacht. In den darauffolgenden Tagen waren die Blicke auf den Straßen nämlich unbezahlbar. 


Danach hat die abenteuerliche Suche nach einem Arzt begonnen. Uns ist an diesem Tag klar geworden, dass es sich entweder um Corona oder eine besonders fiese Form von Grippe handelt. Um ehrlich zu sein, hat uns das ziemliche Kopfschmerzen bereitet.Deshalb sind wir mit dem Plan los, in ein Krankenhaus zu gehen. Doch dies hat sich als schwierig erwiesen, da nicht alle Krankenhäuser aktiv und die Ärzte in Bezirke aufgeteilt sind. Wir haben uns daher entschieden, unser Vertrauen dem von der Botschaft empfohlenen Arzt, zu schenken. Eine Ärzteliste findet ihr ganz leicht auf der Seite des jeweiligen Auswärtigen Amtes. 



Insider Roulette: Hier empfehlen wir euch eine Auslandskrankenversicherung von eurer Krankenkasse, denn die hat sich bei zwei Besuchen beim Arzt und Kosten von insgesamt 250 Euro ordentlich gelohnt, denn all die Kosten müssen erst einmal vorgestreckt werden. Die Belege und Rechnungen hat Cindy dann per Post losgeschickt, denn die Versicherung benötigt diese im Originalen. Das Geld ist dann aber schneller als gedacht wieder auf dem Konto gewesen. 


Während uns eine gemeinsame Freundin besucht hat, haben wir uns schon wesentlich besser gefühlt. Doch dann folgte bei Cindy der Rückfall und Kiras Erkältung wollte auch nicht weichen. Warum so eine lange Story über krank sein? Nicht etwa, weil wir Corona hatten, denn ob das der Fall war, wissen wir bis heute nicht genau. Vielmehr, weil dies die Grundlage für die darauffolgende Entscheidungsfindung war. Auf Corona sind wir weder in Deutschland noch in Budapest getestet worden.   




Denn während wir versucht haben unserer Erkältungs-Misere in den Griff zu bekommen, haben sich die Corona-Wolken langsam aber sicher auch nach Budapest geschlichen. Und was zu Beginn noch Nachrichten im entfernten Deutschland und dem Rest der Welt gewesen sind, sollte auch für uns zur Realität werden. Schon erstaunlich wie man etwas, das mit so hoher Wahrscheinlichkeit eintritt, so gekonnt ignorieren kann. 


Der Weckruf zurück in die Realität, ist für uns scheinbar unerwartet ertönt, als unsere Mitbewohner ihre Koffer für die Ferien in Frankreich gepackt haben. Während der eine an einem Mittwoch noch unbedacht in den “Urlaub” geflogen ist, haben uns in der darauffolgenden Nacht die Nachrichten von der Grenzschließung Frankreichs erreicht. Für unseren Mitbewohner hat dies bedeutet, keine Rückfahrmöglichkeit nach Ungarn zu haben, bis die Krise vorüber ist. Spätestens aber am nächsten Tag als unser anderer Mitbewohner mit gepackten Koffern in der Tür gestanden hat, haben wir begriffen, dass wir nun alleine in der Wohnung sind. So sehr wir uns in unserer WG auch mal nach Ruhe gesehnt haben, so sehr haben wir uns dann aber auch unsere Mitbewohner zurück gewünscht.


Als wir dann mit einer Tüte Chips und einem Glas Wein wie ein Häufchen Elend auf der Couch gesessen haben, ist uns bewusst geworden, dass auch Ungarn irgendwann die Einreise stoppen wird. Nachdem die Grenzen nach und nach geschlossen worden sind, unsere Erkältung nicht verschwunden und eine Ausgangssperre immer wahrscheinlicher geworden ist, haben wir dann doch den Gedanken zulassen müssen, dass dies kein normales Erasmus mehr werden würde. Was tun, wenn es uns auf Dauer wirklich nicht besser gehen sollte? In eines der Krankenhäuser hier in Budapest gehen und das dortige Gesundheitssystem belasten? Nach Hause fliegen mit dem Risiko, die Familie mit Corona anzustecken? Könnten wir unser Erasmus überhaupt fortführen? Würde wieder so etwas wie Normalität einkehren? Was spricht am Ende des Tages dafür, zu bleiben? Was dafür zu gehen? Wie soll unsere Bachelorarbeit weitergehen? Wie würde unsere Zeit hier werden? Fragen über Fragen. 


Insider Roulette: Während der gesamten Zeit haben uns das International Office, sowie die Organisatoren vom Erasmus sowohl aus Deutschland als auch aus Ungarn laufend informiert und Fragen beantwortet. Die Entscheidung über die Abreise haben wir jedoch selbst treffen müssen. 


Nach vier Tagen Entscheidungsstress, etlichen Telefonaten mit den engsten Vertrauten, unterdrückten Tränen, vielen verschiedenen Meinungen und einem alle 30 Minuten wechselnden Gefühl, haben wir uns am Ende aus sehr vielen persönlichen Gründen für die Abreise entschieden. Mit der Entscheidung haben wir uns besonders schwer getan, da wir gewusst haben, dass eine Rückreise nach Budapest auf unabsehbare Zeit nicht möglich sein wird. Das hat die Entscheidung so endgültig gemacht und uns einfach unendlich traurig. Hätte uns am Anfang jemand erzählt, dass wir unser Erasmus wegen eines Viruses namens Covid-19 abbrechen werden, hätten wir vermutlich nur darüber gelacht und ihn für verrückt erklärt. Die Entscheidung haben wir definitiv der Vernunft wegen getroffen. Allerdings laufen wir im Kopf noch immer gemütlich mit Kaffee in der einen und einem Donut in der anderen Hand über die schöne Margareteninsel.


Nachdem wir unsere Entscheidung gefällt haben, haben wir den letzten Tag in Budapest bis spät in die Nacht mit Packen, Aufräumen, Putzen und Müll wegbringen verbracht. Nach zwei Stunden Schlaf, die sich wie zwei Minuten angefühlt haben, ist es dann früh morgens mit bedrückenden Gefühl zum Bus und den noch leider viel zu vertrauten Weg zurück zum Flughafen gegangen.

 
 

2020 sollte doch eigentlich unser Jahr werden. Hinter uns liegen fast zwei außergewöhnliche Monate, die wir trotz der ganzen Situation nicht missen möchten. Aber wer kann schon von sich behaupten, in diesem verrückten Jahr bereits in einem anderen Land gewesen, geschweige denn dort gelebt zu haben? Für diese Gelegenheit sind wir unendlich dankbar. 


Wir wissen natürlich, dass wir irgendwann nochmal nach Budapest können. Ihr könnt aber sicher verstehen, dass es für uns schwer zu akzeptieren ist, besonders weil wir das Leben dort, als Erasmus Studentinnen, so gerne mochten.


Im Nachhinein bringt es uns schon zum Schmunzeln, dass wir zwei Drittel unserer Zeit in Budapest krank gewesen sind und trotzdem nur Positives darin sehen. Das ist ein bisschen so wie mit der Liebe die blind macht. 


...in diesem Sinne, bleibt gesund!


Liebst,




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