Denitsas Travel Diary: Wie eine Bulgarin in Deutschland ihr Glück fand


Auf Reisen begegnet man immer den interessantesten Persönlichkeiten. Daher haben wir beschlossen, ein paar von ihnen für euch zu interviewen und ihren Geschichten damit eine Stimme zu geben. Die 24-jährige Journalistin Denitsa Georgieva kommt gebürtig aus Bulgarien und erzählt uns von ihrem Umzug von Bulgarien nach Deutschland.

 
 

Instagram: justdenitsa


C&K (Cindy und Kira): Wie und wo haben wir uns kennengelernt?  


Denitsa: “In Bulgarien an der Universität in Sofia. Ich war gerade zurück vom Erasmus und ich habe Kira und Cindy vor dem Büro vom Erasmus-Ansprechpartner, wo ich selber zu tun hatte, gehört, wie sie Deutsch gesprochen haben. Da ich Deutschland schon vermisste und Leipzig – weh hatte, habe ich sie angesprochen. Daraus ist eine Freundschaft geworden.”


C&K: Womit verbringst du deine meiste Zeit?  


Denitsa: “Meistens bin ich auf der Arbeit, so etwa 8 Stunden am Tag an 4-6 Tagen in  der Woche. Sport mach ich auch sehr gern, sowas wie Joggen, Fitness und Hometrainings.” 


C&K: Wie hast du so gut Deutsch lernen können? 


Denitsa: “Ich habe an einem Fremdsprachengymnasium Deutsch als erste Fremdsprache 5 Jahre intensiv gelernt, dafür besitze ich ein Deutsches Sprachdiplom Stufe II mit C1. So viel auf dem Papier, aber ehrlich gesagt, als ich zum Ersten mal in Deutschland war, im Jahr 2014 zum Schnupperstudium in Bayern, konnte ich kaum verstehen oder reden, da die Schulkenntnisse im realen Leben schwierig umzusetzen sind. Man redet nicht im Alltag über Klimawandel, Ehrenamtliche Arbeit, Patchworkfamilien usw. Das waren die Themen, die wir jahrelang auf Deutsch in der Schule besprochen haben.


Dann im Jahr 2017 bin ich nach Leipzig für Erasmus umgezogen. Auch mit einem Sprachdiplom und der höchsten Stufe C1 für Ausländer, konnte ich mich im Einkaufsladen nicht locker unterhalten. Ich habe mich geschämt, geweint, Kopfschmerzen vom Deutsch Sprechen gehabt und Alpträume hatte ich auch. Mit den anderen Erasmus Studenten redet man hauptsächlich auf Englisch. Das hat nicht geholfen. Ich habe erst dann richtig Deutsch gelernt, nachdem ich es mir als Hauptziel gemacht habe. Ich habe mich mit Leuten umgeben, die Deutsch sprechen. Ich habe aufgehört Filme und Serien auf Englisch zu gucken und habe mein komplettes Leben auf Deutsch umgestellt. In 6 Monate war der Unterschied schon da. In Bulgarien habe ich mir neben dem Studium einen Job gesucht, der mit Deutsch zu tun hat, habe auch einen gefunden und so lief es. Die kurze Antwort auf die Frage ist: Ich habe Deutsch mit Grundlagen von der Schule und Umgang mit Deutschen gelernt.”


C&K: Wie lange wirst du in Deutschland bleiben?


Denitsa: “Ich plane nicht zurück nach Bulgarien zu ziehen.”


C&K: Wie hast du dein Bachelor-Studium in Bulgarien beendet? Wie war dein Plan für Deutschland?


Denitsa: “Ich habe mein Bachelorstudium in Bulgarien im November 2019 mit 1,5, laut des deutschen Systems, abgeschlossen. Ich wollte ein Doppelabschluss in Deutschland machen, indem ich mich für ein höheres Semester an der Uni Leipzig beworben habe. Ich wurde aber abgelehnt, da keine freien Plätze da waren.”


C&K: Aus welchen Gründen hast du dich für Deutschland entschieden?


Denitsa: “Die Wirtschaft ist besser, die Leute sind ruhiger und lächeln mehr. Man ist besser im Leben versichert als in Bulgarien, die Institutionen funktionieren optimaler, die Bürokratie ist nicht nur zum Nachteil der Bürger und noch einige weiteren Gründe.”


C&K: Fiel dir der Umzug nach Deutschland schwer?  


Denitsa: “Ich bin vor allem ein Mensch, also ja – ich habe meine Familie und Freunde da gelassen. Mit 24, einem abgeschlossenen Studium und Vollzeitarbeit, kann man schwierig neue Freunde machen und das wusste ich schon vor dem Umzug.”


C&K: Auf welche Probleme bist du zu Anfang deines Umzugs nach Deutschland gestoßen?


Denitsa: “Ich hatte keine Idee, wie ich meine Sozialversicherungsnummer und alle anderen notwendigen Unterlagen für Deutschland kriege. Die Deutschen können aus Erfahrung hier schwierig helfen, da für jedes Land verschiedene Unterlagen benötigt werden. Die EU-Hotlines und Behörden verweisen auf die bulgarischen Standorte und in Bulgarien geben die allgemeine Auskünfte, die keine Hilfe sind. Am Ende habe ich es hingekriegt, aber ich habe mich sehr allein in diesem Prozess gefühlt.”


C&K: Vermisst du etwas an Bulgarien? Wenn ja, was genau? 


Denitsa: “Die Familie, die Freunde, das Essen, die Gelassenheit der Leuten.” 



C&K: Tipps, um einen Job im Ausland (also Deutschland in deinem Fall) zu bekommen? Wie hast du dich beworben? Wie war der Prozess? 


Denitsa: “Ich habe sehr schnell einen Job gefunden. Also – wenn man Lust hat, gibt es genug Arbeit für jeden. Ich habe mich online beworben. Innerhalb von 2 Wochen habe ich über 30 Bewerbungen geschickt. Dann hatte ich 5 Interviews und ich habe ein Jobangebot angenommen – bei BOSCH, wo ich immer noch bin. Was ich gelernt habe und ich vorher nicht wusste ist, dass es Leiharbeiter oder so genannte Zeitfirmen gibt, die dich übermitteln. Ich bin über DIS AG bei BOSCH gelandet. Es gibt sowohl Vor- als auch Nachteile bei Zeitfirmen. Für mich war es eher von Nachteil, da ich nicht alle Vorteile von BOSCH genießen konnte und auch länger befristet angestellt war. Man lernt, indem man Fehler macht. Ich würde die Zeitfirmen nicht empfehlen, da doppelter Aufwand und man bei zwei Firmen irgendwie gleichzeitig ist.”



C&K: Wie sehen deine Zukunftspläne aus? Was ist dein nächstes Ziel? 


Denitsa: “Mein nächstes Ziel ist der Berufseinstieg. Ich strebe nach einer höheren Position in der Firma. Dann kommt noch meine Leidenschaft – meine journalistische Natur in der Freizeit in Deutschland umzusetzen und irgendwann in den nächsten zwei Jahren ein Masterstudium in Deutschland.”


C&K: Hast du ab und an noch Probleme mit der Deutschen Sprache? Im Job vielleicht? 


Denitsa: “Nein, obwohl es manchen Kollegen schwer fällt zuzugeben, beherrsche ich die Art der Kommunikation sogar auf Deutsch besser als die meisten Deutschen. Meine Rechtschreibung ist auch zu 99% perfekt. Mir fehlt nur Kultur. Ich drücke meine Gedanken untypisch aus, aber das ist auch sympathisch, finde ich, finden auch die Meisten.”


C&K: Wie hast du Kontakte geknüpft in Deutschland?

Denitsa: “Vorher durch Uni und Erasmus, jetzt durch die Arbeit und die Kollegen. Durch meinen Freund auch, aber hier handelt es sich um seine Familie, das sind unvermeidbare Kontakte.”


C&K: Beschreibe kurz das Leben in Leipzig. 


Denitsa: “Ich gehe zur Arbeit mache Sport und Spaziergänge in der Natur, denn es gibt viele Wälder und Parks in der Stadt. Ab und zu Feiern gehen, ab und zu Ausgehen zum Beispiel in Restaurants.”


C&K: Was sind für dich die größten Vorteile im Ausland zu arbeiten? Würdest du das Arbeiten in Bulgarien empfehlen? 


Denitsa: “Es gibt gute und schlechten Firmen, sowohl in Bulgarien, als auch in Deutschland. In Bulgarien hat man weniger Urlaubs- und Krankheitstage, dafür ist aber die Schwangerschaft besser geregelt in Bulgarien. Die Mütter können in Deutschland bis zu 14 Wochen in Mutterschutz bleiben, im Vergleich zu Bulgarien, wo es 58,5 Wochen sind. Man kann aber die beiden Länder nicht vergleichen. Bulgarien ist ein 6-Millionen-Land und Deutschland hat 83 Millionen Einwohner. In Bulgarien ist die Wirtschaft in einer viel schlimmeren Lage und deswegen gibt es viel und normal bezahlte Arbeit nur in den Großstädten und hier hauptsächlich in Sofia. In Deutschland gibt es überall Arbeitsplätze.


Ein sehr, sehr großer Nachteil bei der Jobsuche in Deutschland sind aber die zu hohen Ansprüche. Man muss für die meisten Jobs etwas Bestimmtes studiert haben, Erfahrungen von fünf und mehr Jahren im Bereich haben und noch einiges mehr. Dafür überraschen dich die Deutschen aber auch mal und geben dir manchmal Chancen. Sogar wenn du in deinem Lebenslauf die Ansprüche der Firma nicht erfüllt hast.”


C&K: Welche Orte hast du schon in Deutschland besucht? Welche Stadt hat dir am besten gefallen und warum? 



Denitsa: “Nicht viele. München, Passau, Degendorf, Köln, Düsseldorf, Berlin, Cottbus, Dresden, Halle, Leipzig und die kleinen Städte in der Nähe. Berlin ist meine Lieblingsstadt in Deutschland. Es ist einfach eine bunte Welt in einer Stadt. Ich liebe Berlin und ich verbringe immer wieder gerne das Wochenende da. Ich habe es schon über zehnmal gemacht, einfach das Wochenende in Berlin verbringen. Daher kenne ich mich auch sehr gut mit der Stadt aus, als ob ich da gewohnt hätte. Wie gesagt, ich liebe es.”






C&K: Würdest du sagen, dass der Balkan ein unterschätztes Reiseziel ist? 


Denitsa: “Die Natur ist schön, wie überall auf der Welt – die Erde ist einfach voller Überraschungen. Es ist günstig im Restaurant zu essen und die Geschichte und die Orte, die damit verbunden sind, sind spannend. Es ist schön, kann aber auch besser sein, denn manche Preise entsprechen nicht dem Preis-Leistungs-Verhältnis, wie z.B. die touristischen Sommerzielorte am Schwarzen Meer.”


C&K: Dein Must-See Balkan Ort? 


Denitsa: “Ganz Ex-Jugoslawien. Die Geschichte liegt mir am Herzen und es gibt bezaubernde Orte auf dem Balkan.”


C&K: Was bedeutet Reisen für dich? 


Denitsa: “Lernen. Das Reisen ist für mich ein großes soziales Experiment. Die anderen Kulturen zu beobachten, versuchen zu verstehen, traditionelles Essen kosten, die Geschichte näher kennenzulernen. Somit erfahre ich nicht nur mehr über die Welt, sondern auch über mich.”


C&K: Danke, für das tolle Interview und deine Zeit!

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