Anjas Travel Diary: Entgegen aller Vorurteile - den Balkan als Lehrerin erobern


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Anja, 26 Jahre alt, ist Lehrerin an einer deutschen Schule in Sofia, der Hauptstadt Bulgariens. In Deutschland hat sie den Master of Education, also Lehramt an Grundschulen mit Zusatzausbildung mit Deutsch als Fremd- und Deutsch als Zweitsprache studiert. In diesem Interview berichtet sie euch von ihrem Leben in Sofia, ihren Erfahrungen und Wünschen.

C&K: Wie und wo haben wir uns kennengelernt?

Anja: “Wir haben uns im Oktober 2018 bei einer von der Universität veranstalteten Pub Crawl kennengelernt. Das war ziemlich lustig. Ich war selbst erst wenige Tage in Sofia, habe jedoch direkt am ersten Tag einen deutschen Studenten kennengelernt, der mich dann mit zur besagten Pub Crawl genommen hat. Dort traf ich dann euch beide und es war relativ schnell klar. Das passt!”

C&K: Was genau machst du im Ausland und seit wann bist du in Sofia?

Anja: “Seit Oktober 2018 arbeite ich an einer deutschsprachigen Schule als Grundschullehrerin. Zusätzlich bin ich seit einiger Zeit nebenberuflich bei einem Tonstudio unter Vertrag. Dort übersetzte ich englische Märchen ins Deutsche und synchronisiere diese.”

C&K: Wie lange wirst du bleiben?

Anja: “Das ist eine sehr gute Frage, die schwierig zu beantworten ist. Dazu sollte man wissen, dass mein Aufenthalt eigentlich nur für ein Schuljahr geplant war. Aber wie das Leben so spielt, verlängerte ich meinen Vertrag auf ein zweites Schuljahr. Fest überzeugt nach dem zweiten Schuljahr zu gehen, habe ich nun auf ein drittes Jahr verlängert. Ich glaube wer einmal im Ausland gelebt und gearbeitet hat, wird das verstehen. Es ist ein ganz besonderes Gefühl und in meinem Fall ein ziemlich erfüllender Lebensstil, den ich mir hier aufgebaut habe.”

C&K: Warum Bulgarien? Würdest du das Land weiterempfehlen?

Anja: “Diese Frage habe ich bereits so häufig in meinen fast zwei Jahren Bulgarien gehört. Und die Leute schmunzeln auch heute noch jedes mal über meine Antwort:

Warum nicht?


Ich habe keinen speziellen Grund gehabt nach Bulgarien zu gehen. Dafür aber Gründe gegen andere Länder. Ich habe mich weltweit beworben. Ich hatte auch andere Länder zur Auswahl und nun werden sich sicher einige fragen, warum ich diese nicht angekommen habe. Russland, Spanien, Belgien, Mexiko. Auf den ersten Blick sehr verlockende Angebote.

Ich habe jedoch für jedes Land meine persönlichen Gründe dagegen gefunden. Dazu zählten unter anderem zu weit weg, zu nah dran oder schlicht zu ‘‘mainstream‘‘.”

C&K: Aus welchen Gründen hast du dich für das Ausland entschieden?

Anja: “Ich war schon immer ein sehr heimatfixierter Mensch. Nach der Schule studierte ich in der nur 30 km entfernten Universitätsstadt. Jedoch schlummerte wohl schon immer eine kleine Weltenbummlerin in mir. So ließ ich mir schon in der Schule keine Möglichkeit entgehen, das Ausland kennenzulernen. Während meiner Schulzeit nahm ich an zwei Schüleraustauschen teil. Einer ging nach Danzig in Polen und einer nach London in England. Auch im Studium entschied ich mich die Möglichkeit eines Auslandssemester auszunutzen.


Ich erfüllte mir einen keinen kleinen Lebenstraum und bewarb mich für Russland. Dort verbrachte ich mein Praxissemester und unterrichtete an einer russischen Schule Deutsch.”



C&K: Wie sieht dein Job aus? Wie gefällt es dir und was sind deine Aufgaben?

Anja: “Ich bin Grundschullehrerin an einer deutschsprachigen Schule in Bulgarien. Als Klassenlehrerin einer 4. Klasse unterrichte ich die Hauptfächer und Kunst. Mir gefällt es wirklich super. Die Klassengrößen sind sehr klein, was das Arbeiten erheblich erleichtert.”

C&K: Wie sieht es mit deinen Zukunftsplänen aus?

Anja: “Früher oder später werde ich zurück nach Deutschland gehen, in der Hoffnung, dort verbeamtet zu werden. Als verbeamteter Lehrer ins Ausland geschickt zu werden ist lukrativer, als sich auf Eigeninitiative eine Stelle zu suchen. Also ist zwar die Rückkehr nach Deutschland schon geplant, allerdings auch die nächste Möglichkeit im Ausland zu leben in den Blick gefasst.”

C&K: Was ist dein nächstes Ziel?

Anja: “Eigentlich war es geplant im Sommer ein ganz neues Fleckchen der Erde zu bereisen. Ich hatte geplant eine Tour entlang der Westküste der USA zu machen. Leider ist dieser Plan aufgrund von Corona vorerst ins Wasser gefallen.”

C&K: Hast du Tipps, um einen Job im Ausland zu bekommen? Wie hast du dich beworben und vorbereitet?

Anja: “Da ich als Lehrkraft im Ausland bin, ist meine Bewerbung natürlich nicht unbedingt auf andere Berufsgruppen zu übertragen.


Ich habe mir die Stellenangebote der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen des Bundesverwaltungsamtes angeschaut. Dort werden verschiedene Stellenangebote im Ausland ausgeschrieben. Daraufhin habe ich Initiativbewerbungen verfasst und an verschiedene Schulen verschickt. Für nicht verbeamtete Lehrkräfte ist das eine ziemlich einfache Angelegenheit.”

C&K: Wie sieht es mit der Finanzierung aus? 

Anja: “Die Finanzierung habe ich selbst getragen.”

C&K: Wie kommst du mit der Sprachbarriere mit Schülern, Eltern und Kollegen klar?

Anja: “Da es sich um eine deutschsprachige Schule handelt, kommt es nur selten zu Sprachbarrieren. Wenn es doch mal zu einer kommen sollte, habe ich gelernt damit kreativ umzugehen. Pantomimisch, jemanden zur Hilfe bitten oder auch mal schnell den Google Übersetzer zu benutzen.”

C&K: Wie hast du Kontakte geknüpft?

Anja: “Durch die Arbeit findet man natürlich schnell Kontakte. Meine Kontakte außerhalb der Schule habe ich durch zufällige Begegnungen kennengelernt. So wie bei euch beiden. Da habe ich kein Patentrezept parat. Ich habe keine Apps oder Internetseiten benutzt. Ich denke als offener Mensch braucht man so etwas auch nicht.”

C&K: Wie ist das Leben in Sofia?

Anja: “Das Leben fühlt sich trotz der Tatsache, dass Sofia die Hauptstadt Bulgariens ist, entschleunigt an. Die Stadt wirkt nicht so hektisch. Bulgaren sind in der Regel alles andere als hektisch. Außerdem ist die Stadt gefüllt mit Leben und es gibt immer etwas spannendes zu unternehmen. Die Freizeitangebote sind wirklich vielfältig.”

C&K: Was sind für dich die größten Vorteile im Ausland zu arbeiten?

Anja: “Der definitiv größte Vorteil ist, dass ich hier zwar arbeite und auch nicht wenig.  Aber trotzdem das Gefühl habe im Urlaub zu leben. Ich versuche so oft es geht zu verreisen. Selten verbringe ich ein Wochenende in Sofia selbst. Bulgarien ist ein wirklich aufregendes und traumhaft schönes Land. Rund um Sofia gibt es so viele schöne Ecken die es zu entdecken lohnt.”

C&K: Welche Orte hast du schon in Bulgarien besucht? Hast du Empfehlungen?

Anja: “Schon so viele. Bulgarien hat so viele unterschiedliche Facetten. Das Meer ist wunderschön. Die Schwarzmeerküste ist auf jeden Fall einen Besuch wert.

Absolute Pluspunkte bekommt Bulgarien allerdings für seine Vielzahl an Gebirgen. Ob es nun der Stadtberg Sofia ist den man hochwandert oder aber ein Stück aus Sofia rausfährt und an den atemberaubenden 7 Seen entlang wandert, es ist immer ein Highlight.”

C&K: Nutzt du die Zeit um auch andere Länder zu sehen

Anja: “So oft es geht. Rund um Bulgarien habe ich seit meinem Umzug fast alle Länder gesehen. Dazu zählen Serbien, Nordmazedonien, Albanien, Montenegro, Ungarn, Slowakei, Griechenland und die Türkei.”

C&K: Gab es Probleme?

Anja: “Eigentlich gab es nie schwerwiegende Probleme. Auch als Frau habe ich mich in diesen Ländern stets sicher gefühlt und kann sie auf jeden Fall empfehlen.”

C&K: Würdest du sagen, dass der Balkan ein unterschätztes Reiseziel ist?

Anja: “Definitiv! Viele der Balkanländer haben traumhafte Landschaften und einen Reichtum an Geschichte und Kultur zu bieten. Der Balkan hat seinen ganz eigenen Charme.”

C&K: Dein Must-See Balkan Ort?

Anja: “Das ist wirklich schwer! Die Balkanländer sind alle traumhaft schön. Als den schönsten Ort würde ich vermutlich Kotor in Montenegro betiteln. Kotors Schönheit ist nicht in Worte zu fassen. Man trifft auf eine unglaubliche landschaftliche Vielfalt.”

C&K: Wurdest du je darauf angesprochen alleine als Frau in ein anderes Land gezogen zu sein?

Anja: “Das wurde ich sogar sehr häufig. ‘‘Wie kannst du bloß alleine ins Ausland gehen und dort leben. Und dann auch noch Bulgarien?‘‘ ist wohl die häufigste Frage, die mir seit meiner Auswanderung gestellt wurde. Vor allem für ältere Generationen ist es schwer zu begreifen, wieso ich freiwillig in das ärmste Land Europas gezogen bin. Aber auch jüngere Generationen können mich manchmal nur schwer verstehen. Ich denke, dass das auch nur zu verstehen ist, wenn man selbst einmal in so einem Land gelebt hat. Denn nur weil Bulgarien das ärmste Land Europas ist, heißt es nicht, dass dort alles schlecht ist. Ganz im Gegenteil sogar.” 


C&K: Was bedeutet Reisen für dich?

Anja: “Reisen ist für mich nicht einfach nur ein Ortswechsel oder eine Abwechslung von der Arbeit. Für mich ist es vielmehr die Entdeckung meiner Selbst. Je weiter ich reise, desto besser lerne ich mich selbst kennen. Nur durch das neue Wissen über das Fremde, habe ich gelernt, das Eigene besser reflektieren zu können.

Aldous Huxley hat mal gesagt: ‘‘Reisen bedeutet herauszufinden, dass alle Unrecht haben mit dem, was sie über andere Länder denken.‘‘

Dieser Aussage stimme ich vollkommen zu. Vor allem über Länder, die ich in der letzten Zeit bereist habe, gibt es viele Vorurteile. Vor meiner Balkanreise durch Nordmazedonien, Albanien und Montenegro musste ich mir viele diese Vorurteile anhören, sodass ich teilweise selbst schon anfing zu zweifeln, ob eine Reise für zwei junge Mädchen durch diese Länder wirklich das Richtige sei. Aber ich wurde eines Besseren belehrt.”

C&K: Danke, für das tolle Interview und deine Zeit.


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